Unzählige Strassenlaternen erhellen des Nachts Stadt und Land. Das Licht zieht so viele Insekten an, dass es die Ökosysteme durcheinander bringt.

Licht zieht Insekten an

Licht an, Balkontür öffnen. Damit ist an lauen Sommerabenden eines sicher: Nicht nur frische Luft weht herein, bald schwirrt auch das eine oder andere Insekt um die Zimmerlampe. So zum Beispiel der Totenkopfschwärmer, ein stattlicher Nachtfalter, der aus Afrika bis in die Schweiz vorgedrungen ist. Wegen seiner charakteristischen totenkopfähnlichen Zeichnung auf dem Leib gilt er als Inbegriff des Unheilbringenden.

Aber das ist natürlich Aberglauben. Es ist eher der Mensch, der dem Schmetterling Unheil bringt – weil er überall das Licht brennen lässt. Wie alle Nachtfalter fliegt der Schwärmer dann tumb um die Lampe herum, nimmt Reissaus, um dann – nichts gelernt – wieder einen neuen Anflug zu wagen. Irgendwann enden die Tiere erschöpft am Boden.

Kunstlicht ist eine Falle

Man braucht kein Spezialist zu sein: Kunstlicht wie zum Beispiel Strassenlaternen sind für viele Insekten eine Falle. Zu Hunderten schwirren sie jede Nacht um Strassenlampen. 450 zählten Forscher im Schnitt pro Nacht an einer einzigen Quecksilberlaterne; 180 an einer Natriumdampflampe. Etwa ein Drittel davon stirbt an der Lichtquelle. Sie verbrennen allerdings eher selten. Die meisten drehen solange ihre Kreise, bis sie erschöpft zu Boden sinken. Dann sind sie leichte Beute.

Licht schadet den Insekten vor allem dadurch, dass ihr natürliches Verhalten gestört wird. Sie kreisen, statt zu fressen. Sie kreisen, statt sich zu paaren. Sie kreisen, statt zu jagen. So ergeht es Mai- und Marienkäfern, Hornissen und Hausmutter, Eintags- und Florfliege. Nacht für Nacht.

Ohne Frage geht der Verlust der Nacht einher mit dem Tod vieler Insekten. Nur: Sind die vielen Strassenlampen auch mit schuld am massenhaften Insektensterben? Welchen Anteil hat das nächtliche Kunstlicht?

Untersuchungen zu den Strassenlaternen

Spezialisten untersuchten die Wirkung von Strassenlaternen über zwei Jahre hinweg. Fazit: Die Lampen sind wie ein Staubsauger im Ökosystem. Besonders wasserliebende Insekten werden vom Licht angelockt. Viele Menschen denken spontan, die Lockwirkung des Lichts macht nichts. Aber bei Abertausenden Strassenlampen alleine in der Schweiz, die über viele Jahrzehnte Nacht für Nacht leuchten, gibt es einen Einfluss auf das Ökosystem von ähnlichem Ausmass wie durch Insektizide. Eine andere Studie berichtet, dass die Insektenpopulation an einem Standort innerhalb von zwei Jahren massiv einbrach, nachdem eine intensiv beleuchtete Tankstelle eröffnet wurde.

Eines ist bereits sicher: Die künstliche Helligkeit greift massiv in das Verhalten der Insekten ein. Eine Studie nach der anderen demonstriert das. Auch nachtaktive Spinnen im Einflussbereich der Laternen dehnen ihre Jagd bis in den Tag hinein aus, weil sie sich mit der massenhaft herumliegenden Beute den Bauch Vollschlagen. Es kommt also auch zu einer Verschiebung des Gleichgewichts zwischen den Arten. Jene, die Insekten fressen, sind im Vorteil, andere Tierarten leiden.

LED macht es nicht besser

Für nächtliche Blütenbesucher beispielsweise sind die Lampen eine tragische Attraktion, bemerkte die Ökologin Eva Knop von der Universität Bern. Sie ging in die dunklen Voralpen und stellte dort auf sieben Flächen LED-Lampen auf. Dann konzentrierte sie sich in ihren Forschungen ganz auf eine allgegenwärtige wüchsige Pflanze, die Kohldistel. Rund 300 unterschiedliche Bestäuber schwärmten nachts aus, um ihre weißen bürstenartigen Blüten zu besuchen. Die Nachtschichtarbeiter mögen jedoch kein Licht. Auf nachts erhellten Flächen flogen 62 Prozent weniger Insekten. Das wirkte sich auch auf die Kohldistel aus. Sie bildete weniger Samen. Die Pflanzen trugen in der Folge dreizehn Prozent weniger Früchte. Damit wird die Zukunft natürlicher Bestäubung unserer Nahrungsmittel immer schwieriger werden. Bereits heute müssen ganze Bienenvölker durch die Schweiz gekarrt werden, damit es noch einigermassen funktioniert.

Strassenlaternen bringen Tod und Verderben

Schlecht für Biodiversität

Strassenlaternen sind besonders Schädlich für unsere Natur, unsere Biodiversität. Der schädliche Lichtkegel einer Strassenlaterne reicht bis zu zweihundert Meter weit. Auch jene LED-Lampen, welche angeblich gezielt beleuchten, ziehen Insekten dennoch aus weiter Ferne an. Umstritten ist, welche Lampen die schlimmsten für Insekten sind. Die Berner Ökologin arbeitete in ihren Experimenten mit modernen LED-Versionen, wie sie auch in gängiger Strassenbeleuchtung zu finden sind. Sie schildert, dass diese viel mehr Insekten anlockten als ältere Natriumdampflaternen.

Vieles liegt in der Forschung noch im Dunkeln. Doch selbst wenn sich mit Sicherheit herausstellen würde, dass die Lichtverschmutzung für viele Insekten eine ernsthafte Bedrohung wäre, würde der Mensch wohl kaum wirklich reagieren. Denn zuerst kommt immer der Mensch. Alles andere ist ihm egal. Dies wird wohl der Grund sein, weswegen die Menschheit bald einmal aussterben wird.

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