Seit meiner Kindheit begleitet mich das Barfusslaufen wie ein leises, aber kraftvolles Flüstern in meinem Inneren. Damals war es ein Spiel, eine Entdeckung, eine spontane Freude. Ich erinnere mich an warme Sommerabende, an denen ich über Wiesen rannte, an das weiche Gras, das zwischen meinen Zehen kitzelte, und an das Gefühl, Teil der Natur zu sein, statt nur über sie hinwegzugehen. Damals verstand ich nicht, dass diese Momente mehr waren als Kindheitserlebnisse. Sie waren ein Vorgeschmack auf etwas Tiefes, Echtes – auf eine Lebensweise, die irgendwann zu mir zurückfinden würde.
Viele Jahre blieb das Barfussgehen ein liebgewonnenes Ritual, aber nur eines, das ich hin und wieder pflegte. Wenn der Alltag zu eng wurde, wenn Stress oder Gedanken mich zu sehr einholten, dann zog ich die Schuhe aus und lief ein paar Schritte, als würde ich damit die Schwere abstreifen. Doch es war selten konsequent. Meist schlüpfte ich nach einer Weile wieder in festes Schuhwerk, weil man das eben so macht. Weil es sich gehört, weil es die Gesellschaft erwartet.
Doch dann kam der Moment, der alles veränderte – ein tragisches Erlebnis, das mein Leben auf den Kopf stellte und die Frage nach dem Wesentlichen in mir lauter werden liess. Ein lieber Mensch aus meiner Familie erkrankte schwer und starb nach kurzer Zeit. Es ging so schnell, so unerwartet, so endgültig. Dieses Ereignis riss ein Loch in mein Leben, brachte mich zum Stillstand, liess mich meiner eigenen Vergänglichkeit ins Gesicht schauen. In dieser Zeit wurde mir schmerzhaft bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist und wie oft wir Dinge aufschieben, Wünsche ignorieren und uns selbst zurücknehmen. Für später. Für irgendwann. Für ein Morgen, von dem niemand weiss, ob es kommt.
Die Vorteile des Barfusslaufens
Genau in dieser Phase begann ich zu fragen: Was ist wirklich wichtig?
Was bleibt, wenn alles Unwesentliche wegfällt?
Wofür schlägt mein Herz wirklich?
Und die Antwort war plötzlich klarer als je zuvor: So zu leben, wie ich gerne lebe. Ehrlich. Unverbogen. Frei. Nicht angepasst an Erwartungen, die andere an mich richten. Nicht gebremst von Normen, die mich in Formen pressen wollen, die mir nicht entsprechen.
Aus dieser inneren Klarheit wuchs der Entschluss, den ich vor einem Jahr fasste. Ein einfacher, aber zugleich radikal befreiender Schritt: Ich wollte barfuss leben. Nicht nur manchmal. Nicht nur, wenn es gerade leicht war. Sondern immer. Vollständig. Konsequenter Ausdruck meiner Freiheit.
Seit diesem Tag mache ich alles barfuss. Und dieses „alles“ ist kein poetischer Ausdruck – es ist meine Realität. Ich gehe barfuss einkaufen, barfuss durch die Stadt, barfuss in den Wald, barfuss durch Regen und Schnee, barfuss über Kieswege und warme Küchenfliesen. Die Welt ist nicht mehr etwas, worüber ich mich bewege. Sie ist etwas, das ich direkt spüre. Jeder Schritt erzählt eine Geschichte. Jeder Untergrund hat eine eigene Sprache. Die kalte Feuchte eines morgendlichen Rasens, die raue Oberfläche eines Baumstamms, die Wärme eines Sommersteins, der den ganzen Tag Sonne gesammelt hat – all das ist Teil meines Alltags geworden.
Doch der grösste Wandel findet nicht unter meinen Füssen statt, sondern in mir. Barfuss zu leben hat mich achtsamer gemacht. Langsamer, aber auch bewusster. Ich nehme meine Schritte wahr, meine Umgebung, meinen Körper, meine Emotionen. Ich bin mit mir verbunden, weil ich mit der Erde verbunden bin. Und ich bin frei – frei von Konventionen, frei von Erwartungen, frei von dem Gefühl, mich verstellen oder anpassen zu müssen.
Viele Menschen reagieren unterschiedlich darauf. Manche sind neugierig, manche bewundernd, manche irritiert. Doch das gehört dazu. Barfuss zu leben ist nicht nur ein körperlicher Weg, sondern auch ein mutiger. Er stellt Fragen an andere, manchmal ungewollt. Aber ich habe gelernt, bei mir zu bleiben. Mein Leben gehört mir, und ich möchte es so gestalten, dass es sich für mich wahr anfühlt.
Heute, ein Jahr nach dieser Entscheidung, kann ich sagen: Ich habe ein Stück Kindheit wiedergefunden. Ein Stück Wahrheit. Ein Stück von mir selbst.
Und jeder Schritt – ganz ohne Schuhe – erinnert mich daran, wie wertvoll das Leben ist und wie wichtig es ist, es wirklich zu leben.



