Inhalt
Küchentisch
Ich sitze am kleinen Küchentisch. Neben mir meine Mutter im Rollstuhl.
Sie isst kaum noch, trinkt fast nichts. Sie schläft viel, ist so müde.
Manchmal hängt die Zunge aus ihrem Mund, und ich weiss nicht, ob sie noch richtig da ist oder schon irgendwo anders.
Ich halte ihre Hand.
Ich wische ihr die Tränen weg. Und meine auch.
Es ist so still hier.
Und ich frage mich, ob das so aussieht, das Sterben.
Ob es wirklich so leise passiert. So einsam.
Niemand ist da.
Niemand, mit dem ich das gerade teilen kann. Die Wochenenden sind am schlimmsten – alles steht still, und ich sitze einfach hier neben ihr und warte, ohne zu wissen worauf genau.
Ich merke, wie etwas in mir schon weiterdenkt.
Wie es sich anfühlt, wenn sie nicht mehr da ist.
Dieses Loch, das dann bleiben wird.
Diese Stille.
Und ich frage mich, was dann noch übrig bleibt.
Keine Freunde, kaum Familie.
Niemand, der mich vermisst.
Vielleicht gehe ich dann einfach.
Einfach weg von hier.
Irgendwohin auf der Welt.
Aber jetzt sitze ich noch hier.
Halte ihre Hand.
Und will sie noch nicht loslassen.
Küchentisch zum zweiten
Ich sitze hier bei dir.
Ich spüre deine Hand in meiner, auch wenn ich sie nicht mehr richtig halten kann wie früher.
Du denkst vielleicht, ich sei schon weit weg – aber ich bin noch hier. Anders, stiller, weiter innen.
Ich merke, wie mein Körper müde wird.
Das Essen interessiert mich nicht mehr gross, das Trinken auch nicht.
Es ist, als würde alles langsam weniger werden, weniger wichtig.
Nicht, weil ich nicht will – sondern weil es einfach so geschieht.
Du sitzt neben mir am Küchentisch.
Ich kenne diesen Platz, ich kenne dich.
Ich spüre, dass du da bist.
Auch wenn ich die Augen schliesse, auch wenn ich nicht mehr viel sage.
Deine Hand ist warm.
Deine Nähe auch.
Und jedes Mal, wenn du mir über die Wange streichst oder meine Tränen wegwischst,
merke ich: ich bin nicht allein.
Und du auch nicht.
Ich weiss, du hast Angst vor dem, was kommt.
Ich spüre deine Traurigkeit, deine Gedanken, die schon weitergehen.
Dieses Gefühl, als ob danach nichts mehr bleibt.
Aber ich möchte dir leise sagen:
Ich gehe nicht aus der Welt – ich gehe nur aus deinem Alltag.
Was zwischen uns war,
bleibt.
In dir.
Du denkst, niemand wird dich vermissen.
Aber ich kenne dich.
Und ich weiss, wie viel in dir ist, auch wenn du es selbst gerade nicht sehen kannst.
Jetzt gerade musst du nichts entscheiden.
Du musst nicht wissen, wie dein Leben danach aussieht.
Bleib einfach noch einen Moment hier.
Mit mir.
Halte meine Hand.
So wie jetzt.



