Wasser ohne Mikroplastik trinken – eine einfache Methode mit Grenzen

In den letzten Jahren ist das Thema Mikro- und Nanoplastik im Trinkwasser zunehmend in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit gerückt. Unter Mikroplastik versteht man Kunststoffpartikel mit einer Grösse von weniger als fünf Millimetern, während Nanoplastik noch deutlich kleiner ist und mit blossem Auge nicht erkannt werden kann. Solche Partikel wurden inzwischen praktisch überall auf der Erde gefunden – in Flüssen, Seen, Ozeanen, Böden, der Luft und sogar im Leitungswasser vieler Haushalte. Deshalb fragen sich immer mehr Menschen, ob und wie sie ihre Aufnahme dieser Kunststoffpartikel reduzieren können.

Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung kommt zu einem interessanten Ergebnis: Das einfache Abkochen von Leitungswasser könnte dazu beitragen, einen grossen Teil der Mikro- und Nanoplastikpartikel zu entfernen. Dieses Verfahren ist besonders in vielen asiatischen Ländern interessant, da dort das Trinken von abgekochtem Wasser seit Generationen üblich ist. Bisher ging man vor allem davon aus, dass das Kochen Krankheitserreger und bestimmte chemische Verunreinigungen reduziert. Nun zeigt sich jedoch, dass möglicherweise auch Kunststoffpartikel auf diese Weise aus dem Wasser entfernt werden können.

Erhitzen von Wasser hilft

Die Forscher Hale und Albert untersuchten verschiedene Kunststoffarten, darunter Polystyrol, Polyethylen und Polypropylen. Ihre Experimente zeigten, dass sich diese Kunststoffpartikel beim Erhitzen des Wassers mit Calciumcarbonat verbinden können. Calciumcarbonat ist ein natürlicher Bestandteil von kalkhaltigem beziehungsweise hartem Wasser. Wenn hartes Wasser gekocht wird, bilden sich Kalkablagerungen, wie man sie beispielsweise von Wasserkochern kennt. Genau dieser Prozess scheint eine wichtige Rolle bei der Entfernung von Mikroplastik zu spielen.

Während des Kochvorgangs lagern sich Kalkpartikel an die Kunststoffteilchen an. Die Mikro- und Nanoplastikpartikel werden gewissermassen in den entstehenden Kalkstrukturen eingeschlossen. Dadurch bilden sich grössere Aggregate, die anschliessend leichter aus dem Wasser entfernt werden können. Laut den Untersuchungen konnten bei hartem Wasser mit einem Calciumcarbonatgehalt von mehr als 120 Milligramm pro Liter mindestens 80 Prozent der getesteten Kunststoffpartikel entfernt werden. Die Partikelgrössen lagen dabei zwischen 0,1 und 150 Mikrometern.

Einfacher Mechanismus

Der Mechanismus dahinter ist vergleichsweise einfach. Mit steigender Temperatur wird die Ausfällung von Calciumcarbonat gefördert. Gleichzeitig entstehen immer mehr Kristalle, an denen sich die Kunststoffpartikel anlagern. Nach dem Abkühlen bleiben diese Kalk-Kunststoff-Aggregate zurück und können beispielsweise durch vorsichtiges Umgiessen oder Filtern des Wassers teilweise entfernt werden. Das Verfahren benötigt keine teuren Geräte und könnte deshalb für viele Haushalte eine unkomplizierte Möglichkeit darstellen, die Aufnahme von Mikroplastik zu reduzieren.

microplastikkochen

Allerdings gibt es auch einige wichtige Einschränkungen. Die Wirksamkeit dieser Methode hängt stark von der jeweiligen Wasserqualität ab. Nicht jedes Leitungswasser enthält gleich viel Kalk. In Regionen mit weichem Wasser ist der Calciumgehalt deutlich geringer. Dadurch entsteht beim Kochen weniger Calciumcarbonat, und der beschriebene Effekt fällt entsprechend schwächer aus. Das bedeutet, dass das Abkochen dort möglicherweise wesentlich weniger Mikroplastik aus dem Wasser entfernt.

Wasserenthärtungsanlagen

Ein weiterer Faktor sind Wasserenthärtungsanlagen. Solche Anlagen werden häufig installiert, um Kalkablagerungen in Leitungen, Haushaltsgeräten und Armaturen zu verhindern. Dabei werden Calcium- und Magnesiumionen oft durch Natriumionen ersetzt. Das Wasser wird dadurch weicher, enthält aber auch deutlich weniger Calciumcarbonat. Genau jener Stoff, der beim Kochen zur Bindung und Entfernung von Mikroplastik beiträgt, ist dann nur noch in geringen Mengen vorhanden. Deshalb könnte die beschriebene Methode bei enthärtetem Wasser wesentlich weniger wirksam sein.

Die Forscher erwähnen ausserdem die Möglichkeit, dass aus bestimmten Komponenten von Wasserenthärtern selbst Mikro- oder Nanoplastik freigesetzt werden könnte. Dabei denken sie beispielsweise an Kunststoffteile oder an die verwendeten Ionenaustauschharze. Allerdings handelt es sich derzeit vor allem um eine wissenschaftliche Vermutung. Nach heutigem Kenntnisstand gibt es noch keine überzeugenden Belege dafür, dass moderne Wasserenthärtungsanlagen tatsächlich relevante Mengen an Mikroplastik ins Trinkwasser abgeben.

Und das Salz der Anlagen?

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der viele Besitzer von Wasserenthärtern beschäftigt. Für die Regeneration der Enthärtungsanlage wird in der Regel spezielles Salz verwendet. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass in Meersalz, Steinsalz und anderen Salzprodukten teilweise Mikroplastik nachweisbar ist. Die gefundenen Mengen sind allerdings meist sehr gering. Zudem wird das Salz in der Enthärtungsanlage nicht direkt dem Trinkwasser zugesetzt, sondern dient der Regeneration des Harzes. Dennoch lässt sich nicht vollständig ausschliessen, dass Spuren von Mikroplastik in den Prozess gelangen.

Für jemanden, der gerade einen neuen Wasserenthärter eingebaut hat, bedeutet dies jedoch nicht automatisch, dass ein Problem entstanden ist. Wasserenthärter bieten weiterhin zahlreiche Vorteile, darunter weniger Kalkablagerungen, eine längere Lebensdauer von Haushaltsgeräten und teilweise geringere Energiekosten. Gleichzeitig gibt es bisher keine eindeutigen wissenschaftlichen Nachweise dafür, dass solche Anlagen die Belastung des Trinkwassers mit Mikroplastik erhöhen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Abkochen von hartem Leitungswasser eine interessante und kostengünstige Methode sein könnte, um die Menge an Mikro- und Nanoplastik im Trinkwasser zu reduzieren. Die Wirksamkeit hängt jedoch stark vom Kalkgehalt des Wassers ab. In Haushalten mit Wasserenthärtungsanlagen dürfte der Effekt deutlich geringer ausfallen, da genau die Mineralien entfernt werden, die für die Bindung der Kunststoffpartikel notwendig sind. Wer einen Wasserenthärter besitzt, sollte deshalb nicht in Panik geraten. Der aktuelle Forschungsstand liefert zwar interessante Hinweise, aber noch keine Beweise dafür, dass solche Anlagen selbst eine relevante Quelle von Mikroplastik im Trinkwasser darstellen. Insgesamt bleibt das Thema Gegenstand weiterer Forschung, und viele Fragen sind noch nicht endgültig beantwortet.

Also – ab sofort wird Trinkwasser aus dem Wasserhahn abgekocht.

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