Viele Menschen tragen eine stille Angst vor dem Tod in sich – eine Angst, die selten laut ausgesprochen wird, aber oft im Hintergrund mitschwingt, wenn wir an die Zukunft denken.
Inhalt
Der Tod
Man hat vor der Nacht keine Angst, obwohl man nicht weiss, was der Morgen bringt. Man legt sich hin, schliesst die Augen, und vertraut darauf, dass wieder Licht kommt. So, sagt man, kann man auch dem Tod begegnen: nicht als Ende, sondern als ein Schlaf, aus dem man an einem anderen Ufer erwacht. Er ist kein Feind, der uns auflauert, sondern ein Teil des Weges, den jeder Mensch geht, seit es Menschen gibt. Wovor sollte man sich fürchten, wenn Milliarden vor uns diesen Schritt schon getan haben, und die Welt sich dennoch immer weiterdreht, in Liebe und Licht?
Woher die Angst vor dem Tod kommt
Diese Angst vor dem Tod hat viele Gesichter: Manche fürchten den Schmerz, andere die Ungewissheit, wieder andere die Vorstellung, all das zurückzulassen, was ihnen lieb ist. Die Todesangst, wie sie in der Psychologie genannt wird, ist zutiefst menschlich – und doch lohnt es sich, genauer hinzusehen, wovor wir uns eigentlich fürchten. Auch andere haben sich mit der Frage beschäftigt, was nach dem letzten Atemzug bleibt; so habe ich einmal über die Idee geschrieben, dass unser Körper nur ein Instrument ist, mit dem die Seele lernt – ein Gedanke, der zumindest tröstlich sein kann, auch wenn man ihn nicht für bare Münze nehmen muss.
Aber gerade weil die Angst vor dem Tod keinen Schrecken tragen muss, wird das Leben umso kostbarer, nicht geringer. Wer weiss, dass er einmal gehen wird, dem sollte das Jetzt heilig sein. Nicht aus Angst gelebt, sondern aus Dankbarkeit: jeder Morgen ein Geschenk, jede Begegnung eine Gelegenheit. Man soll das Beste aus seinen Tagen machen – nicht im Sinne von Jagen und Sammeln, sondern im Sinne von Reifen. Ein Leben ist kein Vorrat, den man anhäuft, sondern ein Acker, den man bestellt.
Was Wichtig ist
Und was auf diesem Acker wächst, das ist es, was am Ende zählt. Nicht die Anzahl der Reisen, die man gemacht hat, nicht die fernen Orte, an denen man stand. Nicht das Geld, das man gehortet und in Tresoren und auf Konten vor sich hergeschoben hat, als könnte man es mitnehmen. All das bleibt zurück, wie ein Mantel, den man an der Tür ablegt. Was bleibt, ist etwas anderes: ob man einem Menschen die Hand gereicht hat, der sie brauchte. Ob man zugehört hat, wenn jemand sprechen musste. Ob man Trost gegeben hat, ohne dafür etwas zu verlangen. Ob man in den kleinen, unscheinbaren Momenten gut war, auch wenn niemand zusah.
Lebensschule
Das ist die Lebensschule: nicht ein Ort, an dem man Zeugnisse sammelt, sondern ein langsames Wachsen im Herzen. Jede Tat der Güte, jede Geduld, die man aufgebracht hat, jeder Trost, den man gespendet hat – das sind die Lektionen, die man wirklich lernt. Und wenn am Ende die Schwelle kommt, jene stille Tür, vor der wir alle einmal stehen werden, dann fragt niemand nach Kontoauszügen oder Stempeln im Pass. Dann zählt nur, ob man verstanden hat, wozu man hier war: um zu lieben, zu helfen, zu wachsen. Wer das begriffen hat, wer den Sinn seines Lebens gefunden hat, und sei es erst im letzten Augenblick, der tritt nicht als Fremder ein, sondern als jemand, der nach Hause kommt.
Man darf glücklich sein
Darum: Lebe. Lache. Sei gütig, wo du kannst, denn Güte kostet nichts und ist doch das Wertvollste, was du geben kannst. Die Angst vor dem Tod muss dich nicht lähmen, denn er ist kein Dieb, der dir das Leben nimmt – fürchte vielmehr, ein Leben zu führen, in dem du vergisst, was zählt. Denn wenn die Zeit gekommen ist, wirst du nicht gefragt, wie weit du gereist bist, sondern wie tief du geliebt hast.
